Wie lege ich eine neue Obstwiese an?

Planung, Pflanzung und Pflege von Obstwiesen, von Eckart Brandt

Keine Anlage von Obstwiesen ohne Regelung der Pflege

In den letzten Jahrzehnten sind bundesweit Hunderte von Streuobstwiesen angelegt worden.
Viele von ihnen sind 10 Jahre nach ihrer Anpflanzung nur noch in verwildertem und verwahrlostem Zustand anzutreffen: Die Jungbäume wurden nicht gepflegt und beschnitten, der Stammschutz und die Attacken von Mäusen und Wühlmäusen nicht kontrolliert, was zur Folge hatte, dass die Jungbäume nie wirklich ins Wachsen gekommen sind und viele von ihnen nach kurzer Zeit schon wieder eingegangen sind oder in verkümmertem Stadium stagnieren.
Anpflanzungen von Obstbäumen, auch auf extensiven Obstwiesen, sind keine Anpflanzungen von landesüblichen Wildbäumen und –büschen, die man nach der Pflanzung weitgehend sich selbst überlassen kann. Obstbäume sind Teil einer gärtnerischen Kultur, die ohne ein Minimum an Pflege nicht auskommen. Wer diese Pflege nicht gewährleisten kann, sollte besser keine Obstbäume anpflanzen, es wäre schade um die jungen Bäume.

Vorbereitung des Geländes

Möchte man mehrere Obstbäume pflanzen oder gar eine ganze Obstwiese anlegen, sollte man das zu bepflanzende Gelände genau unter die Lupe nehmen: Um welche Art Boden handelt es sich? Guter humoser Gartenboden, leichter Sandboden, lehmiger Sandboden, schwerer Lehm- oder Kleiboden, anmooriger Boden, Moor? Nicht alle Obstarten und –sorten wachsen auf allen Bodenarten. Besonders sehr leichte Sandböden und staunasse Moorböden sind nur nach Verbesserung der Bodenverhältnisse erfolgreich mit Obstbäumen bepflanzbar und selbst dann ist es wichtig, Sorten auszuwählen, die nachweislich mit diesen speziellen Verhältnissen zurande kommen.

Jakob Lebel (Foto: BUND-Lemgo)

Apfelbäume können sich auch schwierigen Bodenverhältnissen relativ gut anpassen. Es gibt Sorten für leichte Sandböden (z.B. Celler Dickstiel, Stahls Winterprinz, Gelbe Schleswiger Renette, Stina Lohmann etc.) und Sorten für feuchte, leicht saure Moorböden (z.B. Jakob Lebel, Horneburger Pfannkuchen, Altländer Pfannkuchen, Coulons Renette etc.).
Irgendwo stoßen aber auch die robustesten Sorten an ihre Grenzen. Ist der Boden gar zu leicht und sandig, sollte er vor der Pflanzung von Obstbäumen mit einer Einsaat von stickstoffsammelnder Gründüngung und Einarbeitung von viel Kompost im Pflanzbereich aufgebessert werden. Ist der Boden zu feucht oder gar staunass, sodass bei ungünstigem Witterungsverlauf das Wasser auf der Fläche steht, wird es kritisch. Staunässe und womöglich wochenlang stehendes Wasser verträgt keine Obstsorte, ihre Wurzeln ersticken und verfaulen im Boden. Hier hilft nur eine Drainage der Fläche. Wo dies nicht möglich ist, kann man Obstbäume auf eigens angelegten Wällen oder einzeln errichteten Wurten (Erdhaufen) pflanzen.

Manchmal sind Flächen auch ohne erkennbaren Grund sehr feucht und staunass. Hier muss man den Boden aufgraben und nachsehen, ob sich in der Tiefe eine wasserundurchlässige Ortsteinschicht (brauschwarz und steinhart) befindet. Diese muss vor einer Pflanzung unbedingt durchbrochen oder wenigstens an den Pflanzstellen durchbohrt werden, sonst haben die Jungbäume keine Chance.
Sind die Böden zu sauer – Äpfel mögen keinen pH-Wert unter 5,5 – muss Kalk unter die Pflanzerde gemischt werden. Macht der Bewuchs der Fläche einen ungesunden Eindruck oder ist eine kritische Vorgeschichte bekannt, sollte man eine Bodenanalyse durchführen lassen. Vor der Bepflanzung ist der Boden leichter in Ordnung zu bringen als danach.

Auswahl der Sorten

Vorzuziehen sind in jedem Fall robuste, den jeweiligen Boden- und Klimaverhältnissen angepasste Sorten. Unbrauchbar ist in der Regel das Sortiment des modernen Erwerbsobstbaus. Diese Sorten sind viel zu empfindlich und anspruchsvoll und kommen ohne intensive Pflege und ohne den so genannten „Pflanzenschutz“ und seinen vielfältigen Spritzungen nicht zurecht. Brauchbar ist auch die eine oder andere Sorte aus dem Bestand der modernen resistenten Züchtungen, hier kommt es auf eine Einzelfallprüfung an.
Bei den alten Sorten muss man sich nicht auf die in der Region entstandenen echten „Landeskinder“ beschränken, auch viele der Sorten aus dem alten überregionalen pomologischen Sortiment sind gut verwendbar. Man sollte hier allerdings darauf achten, aus welchem Klimabereich diese Sorten stammen. Wärmeliebende Sorten aus den Weinbauklima fühlen sich im kühleren Seeklima nicht wohl. Ebenso gedeihen die Sorten der norddeutschen Tiefebene nicht gut im für sie zu heißen und trockenen Bereich des Weinbauklimas. Zu beachten ist auch, welche Ansprüche die zu pflanzenden Sorten an den Boden stellen.

Obstwiese Volksdorf

Handelt es sich nicht um einen optimalen „Obstbauboden“ (guter humoser, leicht feuchter Gartenboden, lehmiger Sand ober sandiger Lehm), muss man in einer Beratung erkunden, ob die geplanten Sorten für die gegebenen Bodenverhältnisse geeignet sind.
Zu fragen ist auch schon bei der Auswahl der Sorten, welcher Art von Nutzung das später einmal anfallende Obst vorzugsweise zugeführt werden soll:
Soll in erster Linie ein schönes Biotop entstehen, in dem die Früchte auch runterfallen und auf dem Boden liegen bleiben können z.B. als Futter für Vögel und Wild, dann wird man auch viel Wintersorten mit anpflanzen, die den Tieren Nahrung in harten Zeiten bieten.
Soll das Obst später größtenteils versaftet werden, dann wird man Sorten und Reifezeit darauf abstimmen.
Soll schwerpunktmäßig Tafelobst angebaut werden, dann wird man die Reifezeit breit streuen, zumindest wenn auch Lagermöglichkeiten für den Winter vorhanden sind.
Oder sollen diese Ansätze kombiniert werden? Mit welcher Gewichtung?

Für Naturschutzbelange von Bedeutung sind auch Zeitpunkt und Dauer des Blütenangebots, welche von der Sortenwahl abhängen. Entsprechend sind Früchte, die lange am Baum verbleiben und windfest sind, wertvoll, weil sie in den Winter hinein Vogel- und Wildfutter bieten können.
Beides sind im übrigen auch Aspekte, welche den landschaftlichen Reiz von Obstwiesen fördern.

Baumformen und Alter der zu pflanzenden Bäume

Die Standardbaumform für Obstwiesen ist der klassische Hochstamm mit einer Stammhöhe von mindestens 1,8 m, bevor die ersten Äste beginnen. Neuerdings sieht man auch schon Hochstämme mit 2 m bis 2,2 m Stammhöhe – das erscheint mir persönlich doch eher etwas übertrieben, es sei denn, man möchte zwischen den Bäumen Pferde grasen lassen.
In ruhigen Lagen, wo kein Vandalismus zu befürchten ist, können Jungbäume mit 7–10 cm Stammumfang gepflanzt werden, sie habe ja in der Regel alle Zeit der Welt, zu stattlichen Bäumen heranzuwachsen. In der Nähe von Wohngebieten, wo möglicherweise Vandalismus die Bäume zu ruinieren droht, sollte man auf stärkere Stammumfänge von 12 bis 14 cm ausweichen, die dann 2-3 Jahre älter als die dünneren Jungbäume und entsprechend teurer sind.

Es müssen nicht zwangsläufig nur Hochstämme auf eine Obstwiese gepflanzt werden. Halbstämme ergeben auch robuste und gesunde Bäume, sie sind aber für Kinder und Senioren viel leichter erntbar und kommen meist früher in Ertrag. Auf lange Sicht werden diese Bäume allerdings dann teilweise nicht so alt wie Hochstämme und bieten deshalb später nicht im gleichen Maße Höhlungen und Totholz als wichtige Kleinlebensräume für Vögel und Insekten.
Im Erwerbsobstbau des frühen 20. Jahrhunderts kannte man das „Bleiber-Weicher-System“: man pflanzte die langfristig zu kultivierenden Sorten als Hochstamm auf etwa 10 m Abstand und setze auf halber Strecke mitten dazwischen schnell in Ertrag kommende Halbstämme. Das Problem war dann allerdings häufig, dass, wenn die Hochstämme schließlich den ihnen eigentlich zustehenden Platz auszufüllen begannen, dort dann im Vollertrag stehende Halbstämme standen, die man nicht fällen mochte, sodass sich die Kronen der beiden Baumtypen bald gewaltig „in die Haare“ gerieten.
Wenn der Boden gut genug ist, kann man auch schwachwüchsige Obstbäume (z.B. Unterlage M7 oder MM106) in die Anlage integrieren, z.B. als Heckenelemente. Von Spalierpflanzungen ist in der Regel abzuraten, es sei denn ein Fachkundiger erklärt sich bereit, die  dann anfallenden Pflege- und Schnittmaßnahmen regelmäßig durchzuführen.

Pflanzung

Dreiecksverbundpflanzung (BUND-Lemgo)

Man muss Obstbäume nicht in Reihen pflanzen. Ist eine Beweidung der Obstwiese mit Tieren vorgesehen, kann man die Bäume nach Belieben auf der Fläche verteilen.
Ist jedoch eine Bearbeitung der Fläche mit Maschinen vorgesehen, erleichtert eine reihenweise Anpflanzung der Bäume die Arbeit sehr.
Standardmäßig pflanzt man etwa 100 Hochstamm-Apfelbäume auf einen Hektar mit einem Abstand von 10 m in den Reihen und 10 m zwischen den Reihen. Setzt man die Bäume in den Reihen nicht auf gleicher Höhe, sondern versetzt, kann man den Reihenabstand auch auf 8 m verringern, ohne dass sich die ausgewachsenen Bäume später ins Gehege kommen.
Von diese Grundschema abweichend ist folgendes zu  beachten: Birnen benötigen nicht so viel Platz, sie wachsen in der Regel pyramidal nach oben und komme in der Breite mit 6–8 m aus; Pflaumen und Zwetschen reichen in der Regel 5–6 m Abstand in der Reihe.
Die Abstandsangaben beziehen sich auf hinreichend feuchte Standorte mit guten humosen oder tonigen Böden. Bei dürftigen Bodenverhältnissen – leichtem Sand oder Moor – können die Abstände um 1–2 m verringert werden.

Die Pflanzgruben von ca. 50 x 50 cm können von Hand oder – bei größeren Pflanzungen – per Minibagger ausgehoben werden. Die Tiefe des Pflanzlochs richtet sich nach der Bodengüte. Ist der Boden sehr dürftig oder sehr verdichtet, hebt man ein tieferes Loch aus und reichert den Aushub mit Kompost, biologischem Langzeitdünger und evtl. Kalk an.
Der Baum muss an seinem neuen Standort genau so tief in die Erde, wie er in der Baumschule war, keineswegs tiefer. (Man beachte, dass lockere Erde evtl. nachsackt, also: sachte antreten). Pflanzt man in trockenen Perioden, muss der Jungbaum nicht nur einmal bei der Pflanzung angegossen, sondern regelmäßig gewässert werden. Am besten formt man aus der Pflanzerde eine Mulde um den Stamm herum, damit das Wasser nicht wegläuft.
Später empfiehlt es sich, die Baumscheibe mit Mulchmaterial abzudecken, um den Boden vor dem Austrocknen zu bewahren und konkurrierenden Grasaufwuchs zu unterdrücken. (Grundsätzlich ist aber vor einer Pflanzung im Frühjahr abzusehen, da die regelmäßige Bewässerung im Sommer im Allgemeinen nicht zu gewährleisten ist. Anm. BUND-Hamburg)

Drahtkorb (Foto BUND-Lemgo)

Ist der Standort wühlmausgefährdet, sollte man den Wurzelbereich durch Draht-Pflanzkörbe schützen.
Wenn Hasen und/oder Rehe auf dem Gelände zu erwarten sind, muss unbedingt ein Stammschutz angebracht werden (Drahtgeflecht o.ä.).
Vor der Pflanzung ist der Jungbaum unbedingt mit einem fachgerechten Pflanzschnitt zu versehen, sonst treibt er nur mühselig aus, da der gekappte Wurzelbereich nicht die komplette Krone versorgen kann. Pflanzt man im Herbst, sollte man den Pflanzschnitt möglichst auf das Frühjahr verschieben, damit evtl. heftige Fröste nicht zu sehr in die unverheilten Schnittwunden dringen können.

Errichtung ökologisch wichtiger Elemente

Insektenhotel (BUND-OV Bad Vilbel)

Es empfiehlt sich, die Natur von vorherein in die Neuanpflanzung mit einzubinden, das befördert die Entwicklung der Obstwiese und nützt gleichzeitig der Natur. Nistkästen für Vögel bieten diesen Brutmöglichkeiten und dezimieren somit schädliche Insekten. Hecken zur Einfriedung des Geländes können Vögeln ebenfalls Brutmöglichkeiten bieten, insbesondere wenn dort auch stachelige Wildobstarten zu Einsatz kommen (Schlehen u.a.). Außerdem bieten Hecken den Obstbäumen Windschutz. Nützlichen Insekten kann man in „Insektenhotels“ vielfältige Ansiedlungsmöglichkeiten bieten; die Naturschutzverbände geben gerne Tipps und Ratschläge dazu. Imkern aus der Umgebung können Stellplätze für ihre Bienenvölker (nicht nur) in der Blütezeit angeboten werden. Der Nutzen der Bienen ist inzwischen für die Obstbäume viel wichtiger und größer geworden als für den Imker selbst. Es sollten auch „kleine Wildnisse“ mit eingeplant werden mit Steinhaufen für Mauswiesel etc. und Brennnesseln für Schmetterlinge.

Pflege der Obstwiese

Man kann eine Obstwiese wie einen gepflegten Park mit Rasen betreiben. Das befriedigt dann vielleicht den Wunsch eines Teils der Bevölkerung nach Ordnung und „Sauberkeit“.
Weitaus wertvoller als Biotop ist jedoch eine „kontrollierte Halbwildnis“, in der die Natur sich entfalten kann, in der aber dennoch das Notwendige geschieht, damit die angelegte Obstkultur sich entwickeln kann und nicht durch mangelnde Pflege Schaden nimmt.
Zu diesen Notwendigkeiten zählen Mahd, Baumschnitt, Wühlmaus- und Stammschutzkontrolle. Unabdingbar ist es, die Obstwiese mindestens einmal im Jahr zu mähen. Aus obstbaulicher Sicht wäre eine zweimalige Mahd sinnvoller.
Baumschnitt ist in den ersten 10 Jahren unverzichtbar und muss mindestens alle 2 Jahre durchgeführt werden.
Der langfristige Pflegeaufwand ist allerdings auch von der Sortenwahl und den Ansprüchen an das Obst abhängig. Aus reiner Naturschutzsicht können einmal stabil erzogene Kronen mancher Sorten dann auch 10 Jahre ohne Pflege auskommen.
Bekommt der junge Obstbaum aber keinen angemessenen „Erziehungsschnitt“, kann er seine Krone nicht optimal aufbauen. In der Regel setzt er viel zu viel neues Geäst an, das sich ohne Schnitt dann gegenseitig behindert und die Krone verwildern und mittelfristig instabil werden lässt. Hier muss in  den ersten Jahren korrigierend eingegriffen werden, um zu schönen, gut aufgebauten, langlebigen Bäumen zu kommen. In den späteren Jahren können die Schnittintervalle auch größer werden.

Einbindung der Bevölkerung

Apfelsaftpressen

Es empfiehlt sich, die Bevölkerung in der Umgebung der Obstwiese in die Gestaltung und Betreuung der Fläche mit einzubeziehen. Wenn die Anwohner die Obstwiese als „ihre“ Obstwiese annehmen, werden sie sich auch um den Erhalt und den Schutz ihrer Anlage kümmern.
Um dies zu erreichen, kann man Baumpatenschaften vergeben, Blüten- und Erntefeste organisieren, später evtl. Versaftung der Ernte vor Ort mit einer mobilen Saftpresse und vieles mehr. Vorteilhaft ist es, wenn man Leute vor Ort gewinnen kann, die dies in die Hand nehmen und zu ihrer Sache machen.

Der Text zum Ausdrucken

Den gesamten Text des Streuobstwiesen-Experten Eckart Brandt finden Sie hier zum Ausdruck im PDF-Format.



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